Mallorca droht ein harter Winter. Und die Corona-Zahlen steigen, ein Wohnviertel in Palma wird abgeriegelt. Im Ort Santanyí haben deutsche Inselresidenten eine Hilfsorganisation gegründet, die auf prominente Unterstützung setzen kann.

Der Juli war ein kleiner Hoffnungsschimmer. Endlich kamen wieder Touristen nach Mallorca, die Menschen fanden wieder Arbeit und Einkommen. «Einige unserer Stammgäste kamen erfreut zu uns. Sie meinten, dass sie unsere Hilfe nicht länger benötigen würden, da sie nun Arbeit gefunden hätten», berichtet die Deutsche Heimke Mansfeld von der Hilfsorganisation «Hope Mallorca», die Essen an Bedürftige auf der Insel verteilt.

Doch die Corona-Zahlen schnellten wieder in die Höhe, die Touristen blieben erneut weg und die Arbeitslosigkeit nahm wieder zu. «In wenigen Wochen werden Hilfsbedürftige bei uns wieder vor der Tür stehen», fürchtet Mansfeld. In der Inselhauptstadt Palma wird wegen steigender Corona-Zahlen nun sogar das Arbeiterwohnviertel Son Gotleu abgeriegelt. Urlauber, die für die Wirtschaft der Inseln von enormer Bedeutung sind, kommen nur selten dorthin. Allerdings gibt es kaum noch Touristen auf den Inseln, seit das Auswärtige Amt vor Reisen in das Land warnt.



Mallorca bereitet sich auf einen harten Winter vor. Während in normalen Jahren Anfang September die Hochsaison langsam ausklingt, sind die bei Deutschen beliebten Orte Paguera, Cala Millor und die Playa de Palma schon jetzt leergefegt. Viele Hotels, Geschäfte und Restaurants haben geschlossen und werden dieses Jahr wohl auch nicht mehr öffnen. Die Arbeitslosenzahlen schießen nach oben, staatliche Hilfen sind knapp bemessen.

Spanien ist eines der am schwersten von der Corona-Krise getroffenen Länder und weist mit mehr als einer halben Million Infektionen die höchsten Corona-Zahlen aller westeuropäischen Länder auf. Den größten Einbruch gab es beim Tourismus, der in normalen Jahren mehr als zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Auf den Balearen, zu denen Mallorca gehört, sind es sogar rund 35 Prozent.

Die Ende Mai erstmals in Spanien eingeführte Sozialhilfe – der Ingreso Mínimo Vital – hat die Menschen in Not bisher kaum erreicht. Zu viele Bedürftige haben Anträge gestellt und somit für einen Stau bei der Behörde gesorgt. Nur wenige Spanier haben bisher einen Bescheid oder Geld erhalten.

«Woher sollen die Leute etwas zu essen bekommen, wenn nicht stehlen?», fragt sich Mansfeld. Sie betreibt hauptberuflich einen Friseursalon in Santanyí, wo viele wohlhabendere Deutsche einen Zweitwohnsitz haben. Mit ihrer Hilfsorganisation will sie den Einheimischen Hoffnung geben. «Für die Leute ist es ein Lichtblick, wenn sie wenigsten Lebensmittel haben.» Im Mai – noch während des Alarmzustands in Spanien – gründete Mansfeld gemeinsam mit ihrer Freundin Jasmin Nordiek den heutigen Verein.

Die Idee bestand anfangs darin, das lokale Gewerbe zu unterstützen. «Ich hatte meiner Mutter zum Geburtstag einen Blumenstrauß geschickt, da sie am anderen Ende der Insel wohnte und ich sie nicht besuchen durfte», sagt Nordiek. «Wir waren überrascht, dass das trotz der Ausgangssperre problemlos klappte. Danach haben wir uns gefragt, welche Geschäfte überhaupt noch auf der Insel geöffnet haben.»

Die Deutschen starteten einen Aufruf in den sozialen Netzwerken. Schnell fand sich eine Gemeinschaft zusammen. Die gesammelten Daten über offene Läden pflegen Nordiek und Mansfeld auf der Internetseite hope-mallorca.org ein. «Ich wohne seit über 20 Jahren auf Mallorca und habe mich durch die Aktion neu in die Insel verliebt», sagt Mansfeld. «Die Insel hat jetzt auch die Chance zu zeigen, was hinter der mallorquinischen Kultur steckt.»

Die Geschäfte sind nicht das einzige Thema in der virtuellen Gemeinschaft. «Es herrscht Panik, da die Menschen nicht wissen, ob sie die Miete oder das Gas zum Kochen noch bezahlen können.» Mansfeld klapperte ihre Kontakte ab und organisierte eine Essensausgabe. Ein Bekannter stellt kostenlos seine Garage zur Verfügung, die als Lager und Ausgabestelle dient. «Er zahlt uns sogar den Strom.» 28 hauptsächlich deutsche Ehrenamtliche fanden sich, die drei Mal die Woche bis zu 900 Tüten mit Gemüse, Obst, Reis, Nudeln, Hygieneartikeln und für den Fall Babynahrung ausgeben. Für den Schulstart in diesen Tagen gab es für die Kinder auch Schulranzen, die der Verein organisierte.

Damit das Projekt läuft, ist Hope Mallorca auf Spenden angewiesen. «Durch die Lage in Santanyí haben wir Glück, dass der eine oder andere Bewohner eine etwas größere Brieftasche hat», sagt Mansfeld. Zudem arbeitet die Organisation mit dem Mallorca-Ableger des Lions Clubs zusammen, der Lebensmittelspenden in Supermärkten abholt. 26 500 Euro kamen bei einer Spendengala Ende Juli zusammen, wo sich mit den Schauspielern Til Schweiger und Jan Josef Liefers sowie der Sängerin Anna Loos prominente Unterstützer fanden. Dennis Mansfeld, Sohn der Gründerin und ein inselbekannter Sänger, steuerte ein Lied bei. «Das hat er eigens für uns geschrieben. Ab dem 12. September läuft ‚Esperanza para ti‘ bei Spotify. Alle Einnahmen gehen an Hope Mallorca», freut sich Mansfeld.

Das kleine Sommerhoch, als die Schlange an der Essensausgabe kürzer wurde, ist vorbei. «Bis Oktober haben die Leute noch etwas Atem in Form von Rücklagen. Danach wird es immer schlimmer», sagt Nordiek. Die beiden Deutschen lassen sich davon nicht entmutigen. «Wenn wir zusammenhalten, dann überwinden wir die Krise. Wir stecken die Leute mit unserer positiven Einstellung an. So gesehen sind wir der gute Virus», lacht Mansfeld.

Von Ralf Petzold, dpaFoto: Mar Granel/dpa